Lesekompetenz entsteht nicht an einem Nachmittag. Sie wächst durch viele kleine Leseerlebnisse über Jahre hinweg.
– Kathrin Schmitz, Autorin & systemische Coachin
Intro
Während aktuell rund 4.000 Viertklässlerinnen und Viertklässler für die neue IGLU-Studie getestet werden, fragen sich viele Eltern: Liest mein Kind eigentlich gut genug?
Die Diskussion um die Lesekompetenz von Kindern ist aktueller denn je. Gleichzeitig zeigt die Forschung etwas sehr Beruhigendes: Gute Leserinnen und Leser entstehen nicht durch Druck oder einzelne Fördermaßnahmen. Lesekompetenz wächst Schritt für Schritt. Durch Vorlesen und gemeinsames Lesen, durch Neugier auf die Inhalte und durch viele kleine Erfolgserlebnisse. In diesem Beitrag erfährst du, wie Kinder Lesen lernen, warum Motivation oft wichtiger ist als Leistung und wie du dein Kind im Alltag darin unterstützen kannst, gerne und viel zu lesen.
Inhalt
- Warum Lesekompetenz heute wichtiger denn je ist
- Wie Kinder Lesen Schritt für Schritt lernen
- Warum Vorlesen der wichtigste Startpunkt bleibt
- Warum kontinuierliche Leseanreize so wichtig sind
- Wie Zeitschriften Kinder beim Lesenlernen unterstützen
- Tipps aus dem Sailer-Team: Was Eltern konkret tun können
- Sailer Mini-FAQ: Lesenlernen
- Experten-Tipp
Warum Lesekompetenz heute wichtiger denn je ist
Lesen ist weit mehr als eine Fähigkeit für den Deutschunterricht. Es ist die Grundlage dafür, wie Kinder die Welt verstehen, wie sie Wissen erwerben und sich eine eigene Meinung bilden.
Fakt ist: Wer lesen kann, ist in der Lage, selbstständig zu lernen und zu wachsen. In Mathematik genauso wie in Sachkunde, Geschichte oder Naturwissenschaften. Gleichzeitig eröffnet Lesen Kindern Zugänge zu Geschichten, Ideen und Perspektiven, die sie sonst nie kennenlernen würden.
Und Lesen bekommt heute noch eine weitere zentrale Bedeutung: Unsere Kinder wachsen in einer Welt auf, in der täglich unzählige Informationen auf sie einströmen. Nachrichten, Videos, Social Media, Werbung und zunehmend auch künstlich erzeugte Inhalte. Sie alle wollen eingeordnet, verstanden und verarbeitet werden. Dafür ist Lesekompetenz unerlässlich. Denn wer Texte versteht, Zusammenhänge erkennt und Informationen kritisch hinterfragen kann, ist besser davor geschützt, auf Falschinformationen oder Desinformation hereinzufallen.
Die gute Nachricht ist: Lesekompetenz entsteht nicht von heute auf morgen. Sie entwickelt sich über viele Jahre hinweg und verläuft bei jedem Kind anders. Manche verschlingen schon früh Bücher, andere entdecken die Freude am Lesen erst später oder zunächst über Comics, Zeitschriften und Sachthemen.
Wenn du dir also wünschst, dass dein Kind eine gute Lesekompetenz entwickelt, frag dich nicht, wie es in Studien oder im Klassenvergleich abschneidet. Frag dich, wie du es dabei unterstützen kannst, Lesen als etwas Schönes und Selbstverständliches zu erleben. Denn genau hier beginnt nachhaltige Leseförderung: bei Neugier, Freude und positiven Erfahrungen mit Geschichten, Wissen und Sprache.
Wie Kinder Lesen Schritt für Schritt lernen
Sichere und kompetente Leserinnen und Leser entstehen nicht über Nacht. Lesekompetenz entwickelt sich durch viele kleine Erfahrungen, die sich über Jahre hinweg summieren. Welche davon besonders wichtig sind, schauen wir uns jetzt an.
Warum Vorlesen der wichtigste Startpunkt bleibt
Wenn es einen Faktor gibt, den nahezu alle Studien zur Leseförderung gemeinsam hervorheben, dann ist es das Vorlesen. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, kommen früh mit Sprache, Geschichten und Büchern in Berührung. Sie hören Wörter, die im Alltag oft gar nicht vorkommen, erweitern ihren Wortschatz und entwickeln ein besseres Sprachverständnis.
Besonders spannend: Forschende gehen heute davon aus, dass Lesen unser Gehirn dabei unterstützt, Sprache vorauszuahnen und Zusammenhänge schneller zu erkennen. Diese Fähigkeit entwickelt sich nicht plötzlich mit dem ersten selbst gelesenen Buch, sondern wächst über viele Jahre.
Entscheidend ist dabei auch, wie vorgelesen wird. Studien zeigen, dass Kinder besonders profitieren, wenn sie aktiv einbezogen werden, also Fragen stellen dürfen, Dinge nacherzählen oder gemeinsam über das Gelesene sprechen. Genau dieser Austausch beim sogenannten dialogischen Vorlesen hilft ihnen, Sprache nicht nur zu hören, sondern wirklich zu verarbeiten und zu verstehen (hier liest du mehr darüber).
Deshalb ist Vorlesen auch keineswegs nur etwas für Vorschulkinder. Viele Eltern hören mit Beginn der Grundschule auf, vorzulesen. Schließlich kann das Kind ja jetzt selbst lesen. Doch genau hier lohnt es sich, weiterzumachen. Denn wenn Erwachsene vorlesen, können Kinder Geschichten erleben, die sie allein noch gar nicht bewältigen würden. Gleichzeitig entstehen gemeinsame Gespräche, Nähe und schöne Erinnerungen. Vorlesen bedeutet also nicht, dass Kinder weniger selbst lesen. Es schafft die Grundlage dafür, dass sie später lieber eigenständig lesen.
Regelmäßigkeit schlägt Intensität
Viele Eltern kennen das Gefühl, Leseförderung im ohnehin prall gefüllten Familienalltag irgendwie „unterbringen“ zu müssen. Dabei ist das oft viel einfacher, als es sich zunächst anfühlt. Kinder profitieren meist stärker von zehn Minuten Lesen am Tag als von einer Stunde am Wochenende.
Warum das so ist? Weil das Gehirn regelmäßige Wiederholungen besser verarbeitet als seltene Intensivphasen. Außerdem senken kurze Lesezeiten die Hürde, überhaupt anzufangen. Sie fühlen sich für Kinder machbar an und schenken in kurzer Zeit Erfolgserlebnisse, die Lust auf die nächste kurze Leseeinheit machen.
Vielleicht liest dein Kind morgens beim Frühstück einen kurzen Artikel? Vielleicht blättert es abends vor dem Einschlafen noch in einer Zeitschrift? Oder ihr lest gemeinsam ein Kapitel aus dem aktuellen Buch? All diese kleinen Momente summieren sich über Wochen und Monate zu echter Lesekompetenz, ohne viel Zeit in Anspruch zu nehmen.
Warum Motivation über den Lernerfolg entscheidet
Kinder lesen vor allem dann, wenn sie etwas wissen wollen. Das klingt banal, wird in der Praxis aber oft vergessen, denn: Viele Erwachsene verbinden Lesen automatisch mit Büchern. Kinder tun das nicht. Sie interessieren sich für ihre Themen – und die sind vielfältig und sehr individuell: Tiere, Fußball, Pferde, Experimente, Gaming, die Liste der spannenden Geschichten ist lang. Je besser die Inhalte zu den Interessen eines Kindes passen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es freiwillig liest. Deshalb lohnt es sich, bei der Auswahl von Lesestoff weniger auf den vermeintlichen Bildungswert zu achten und mehr auf die Begeisterung des Kindes. Und nein: Es müssen nicht immer Bücher sein.
Ein verbreiteter Mythos lautet, dass Comics oder Kinderzeitschriften kein „richtiges Lesen“ seien. Tatsächlich stimmt das nicht. Kinder lesen auch in Comics Texte, erschließen Zusammenhänge und trainieren ihr Leseverständnis. Oft sind genau diese Formate sogar der Einstieg in eine langfristige Lesekarriere. Gerade Kinder, die vor dicken Büchern zurückschrecken, erleben hier oft zum ersten Mal: Lesen macht Spaß. Wenn du hier tiefer einsteigen willst, lies diesen Beitrag,
Wie Erfolgserlebnisse Lesefreude fördern
Kinder lernen besonders schnell, wenn sie sich kompetent fühlen. Deshalb sollten die Lesetexte ihrem aktuellen Leseniveau entsprechen, also weder viel zu schwer noch viel zu leicht sein. Das hilft ihnen, Fortschritte wahrzunehmen und stolz auf sich zu sein.
Auch Themen spielen dabei eine wichtige Rolle: Wenn dein Kind sich für Tiere begeistert, wird es einen Artikel über Wölfe wahrscheinlich motivierter lesen als eine Geschichte über das Weltall.
Leseförderung bedeutet also nicht, möglichst anspruchsvolle Texte auszuwählen. Sie bedeutet, dein Kind dort abzuholen, wo es gerade steht.
Warum kontinuierliche Leseanreize so wichtig für Lesekompetenz sind
Kinder, die regelmäßig neue Inhalte entdecken, bleiben neugierig. Lesen wird für sie ein selbstverständlicher Teil des Alltags.
Hilfreich beim Dranbleiben sind unterschiedliche Textformen:
- Geschichten fördern das Eintauchen in andere Welten
- Sachtexte vermitteln Wissen
- Rätsel trainieren Konzentration
- Comics unterstützen Lesefluss und Motivation
Gerade beim sogenannten Leseknick, der häufig ab dem späten Grundschulalter auftritt, können solche abwechslungsreichen Formate helfen.
Forschende stellten zudem fest, dass Schulkinder, die in ihrer Freizeit etwa zehn Stunden pro Woche mit dem Lesen von Büchern oder Zeitschriften verbringen, ein sechs- bis achtmal höheres Leseverständnis erreichen als Kinder, die in dieser Zeit überwiegend digitale Inhalte konsumieren.
Das bedeutet nicht, dass digitale Medien per se problematisch sind. Entscheidend ist vielmehr, dass Kinder regelmäßig längere zusammenhängende Texte lesen und dadurch im Lesen „dranbleiben“.
Denn wichtig ist vor allem eines: dass dein Kind weiterliest. Was und wie genau es liest, ist oft zweitrangig.
Wie Zeitschriften Kinder beim Lesenlernen unterstützen
Kinderzeitschriften bieten viele Vorteile für die Leseförderung. Sie enthalten kurze, überschaubare Texte und greifen Themen auf, die Kinder wirklich interessieren. Wissen, Geschichten, Rätsel, Comics und Mitmach-Inhalte wechseln sich ab und sorgen für Abwechslung.
Ein weiterer Vorteil: Neue Ausgaben schaffen immer wieder neue Anreize zum Lesen. Kinder erleben dadurch regelmäßig Erfolgserlebnisse und bleiben langfristig am Ball. Genau deshalb spielen Zeitschriften für viele Familien eine wichtige Rolle im Lesealltag. Sie liegen auf dem Frühstückstisch, auf dem Sofa, im Bad oder neben dem Bett und laden ganz nebenbei zum Blättern und Schmökern ein.
Magazine für Kinder und Jugendliche fördern dabei nicht nur Lesefreude. Sie helfen auch, sich mit unterschiedlichen Themen auseinanderzusetzen, Informationen einzuordnen und Zusammenhänge zu verstehen. Gerade in einer Zeit, in der Kinder täglich mit Nachrichten, Social Media und digitalen Inhalten in Berührung kommen, wird diese Fähigkeit immer wichtiger. Eine hohe Lesekompetenz ist wichtig, um Informationen kritisch zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung zu bilden.
Kinder hier von klein auf zu begleiten, haben wir uns zur Aufgabe gemacht – mit unserem Kinderpodcast „Klugschnabeln – Fakten finden, Fakes entlarven“. Die neue Staffel ist am 17. Juni gestartet! Hört mal rein!
Tipps aus dem Sailer-Team: Was Eltern konkret tun können
Lesekompetenz ist natürlich auch bei uns im Sailer-Team ein Dauerbrenner im ganz normalen Familienalltag. Viele der folgenden Tipps sind genau hier entstanden, zwischen Frühstückstisch, Hausaufgaben und Gutenachtgeschichte. Sie sind keine Theorie, sondern alltagstaugliche Ideen, die sich im echten Familienleben bewährt haben.
Katharina empfiehlt, bei Leseflauten wieder vorzulesen: „Wenn dein Kind gerade keine Lust aufs Lesen hat, lies einfach ein paar Seiten vor. Oft reicht das schon, um wieder in die Geschichte hineinzufinden und die Freude am Weiterlesen zu wecken.“
Karin macht Lesestoff sichtbar: „Bei uns liegen die Zeitschriften von Sailer (fast) überall herum: im Wohnzimmer, auf dem Nachttisch, im Bad und auf dem Frühstückstisch. Gerade hier entsteht Neugier oft ganz nebenbei und sorgt für einen schönen Start in den Tag.“
Kathi erklärt, wieso 3 Minuten oft den Unterschied machen: „Manchmal ist nicht das Lesen das Problem, sondern das Anfangen. Bei uns hilft hier die 3-Minuten-Regel: Wir vereinbaren, dass die Kinder aufhören können zu lesen, wenn 3 Minuten vergangen sind. Bis heute haben sie danach immer noch ein wenig weitergelesen, weil sie ja schon angefangen hatten.“
Birgit regt an, über Gelesenes zu sprechen: „Fragen wie „Was fandest du spannend?“ oder „Welche Figur mochtest du besonders?“ fördern das Textverständnis oft stärker als reine Lesekontrolle.“
Sheena rät, über Medien und Informationen zu sprechen: „Gute Lesekompetenz hilft Kindern dabei, Informationen einzuordnen und kritisch zu hinterfragen. Nutzt altersgerechte Nachrichten, Kinderpodcasts oder Zeitschriften als Gesprächsanlass. Gerne auch „Klugschnabeln – Fakten finden, Fakes entlarven“, wo Papagei Pino und ich regelmäßig spannende Faktenchecks machen.“
Sailer Mini-FAQ: Lesenlernen
1. Wie lange sollte mein Kind täglich lesen?
Schon zehn bis 15 Minuten täglich können einen positiven Unterschied machen.
2. Sind Comics wirklich richtiges Lesen?
Ja. Comics fördern Leseflüssigkeit, Textverständnis und Motivation.
3. Sollte mein Kind lieber Bücher oder Zeitschriften lesen?
Beides ist wertvoll. Entscheidend ist, dass dein Kind gerne liest.
4. Wann sollte ich mit dem Vorlesen aufhören?
Gar nicht so schnell. Viele Grundschulkinder profitieren noch lange davon.
5. Was tun, wenn mein Kind plötzlich nicht mehr lesen möchte?
Druck herausnehmen, Interessen aufgreifen und gelegentlich wieder vorlesen. Oft kommt die Lesefreude dann von selbst zurück.
Der Sailer-Expertentipp: Leseförderung bei Kindern
Gisela Lipsky, Chefredakteurin der Zeitschrift Wapiti und Psychologin, sieht in Kinderzeitschriften einen wichtigen Baustein für die Leseförderung:
„Viele Eltern glauben, dass Lesekompetenz vor allem in der Schule entsteht. Tatsächlich entwickelt sie sich überall dort, wo Kinder regelmäßig mit Geschichten, Wissen und spannenden Themen in Berührung kommen. Deshalb sind Kinderzeitschriften so wertvoll. Sie greifen die Interessen der Kinder auf, bieten überschaubare Texte und schaffen immer wieder neue Anlässe zum Lesen. Wichtig ist dabei nicht, ob ein Kind einen Roman, einen Comic oder einen Wissensartikel liest. Wichtig ist, dass es liest. Denn jedes gelesene Wort ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer starken Lesekompetenz.“
Kathrin Schmitz
Kathrin Schmitz schreibt seit 2018 für Sailer über Familie, Lernen und Kinder. Als systemisch ausgebildeter Coach und Mama von zwei Kindern verbindet sie fachliche Tiefe mit echter Nähe zum Familienalltag.
Autorin
Kathrin Schmitz
Kathrin Schmitz schreibt seit 2018 für Sailer über Familie, Lernen und Kinder. Als systemisch ausgebildeter Coach und Mama von zwei Kindern verbindet sie fachliche Tiefe mit echter Nähe zum Familienalltag.






